(Kein) Schnee von gestern... Drucken E-Mail

ImageSAALBAU-Mitarbeiterin Stefanie Kitzerow begleitete den Päckchen-Konvoi nach Bosnien
Um 5.15 Uhr am Morgen trafen sich am 26. Dezember des vergangenen Jahres die Teilnehmer des Bosnien-Konvois im Lager der Rudolf-Walther-Stiftung in Gelnhausen. Viele der Teilnehmer haben die lange Fahrt schon mehrere Male mitgemacht, wie auch unser SAALBAU-LKW, und so wurde trotz der frühen Stunde schon die eine oder andere Anekdote ausgetauscht. Das machte mich, die ich zum ersten Mal dabei war, schon sehr neugierig, auf das, was da so alles auf uns zukommen würde.

ImageEinen ersten Vorgeschmack auf die Fahrt gab es gleich zu Anfang, denn statt um 6 Uhr konnte der Konvoi erst um 7 Uhr starten. Die Batterie eines LKWs war leer – dieser stand noch in Niedernhausen und die frische Batterie war noch unterwegs...das erste Mal kalte Füße....doch dann, um 7 Uhr, konnte es nach einem kurzen Briefing endlich losgehen. (Das mit der Batterie sollte später noch mal passieren, weil, wie auch an diesem Morgen, der Kühlschrank angelassen wurde....) Der Konvoi bestand aus sieben LKWs und zwei kleinen Bussen als Begleitfahrzeugen, alle ordentlich durchnummeriert und mit Schildern als Hilfsgütertransport ausgezeichnet. Außerdem hatten alle Fahrzeuge untereinander Funkverbindung, worüber man sich über die Fahrtroute abstimmen konnte und weiterhin lustige Geschichten ausgetauscht wurden.

Es hatte schon morgens auf der Fahrt zur Stiftung angefangen zu schneien und Schnee begleitete uns den ganzen Tag. Bis zu einer Maut-Stelle in Slowenien ging trotzdem alles glatt, doch dann meldete einer der LKWs eine blockierende Bremse am Anhänger. Dieses Problem hielt uns vier Stunden am Straßenrand fest, bis beraten war, was zu tun und der Hänger umgeladen war. Den Hänger ließen wir einfach stehen. Mittlerweile war es ein Uhr nachts, ich war dran mit Fahren – nicht unseren LKW, dafür hatten wir Extra-Fahrer, sondern den Kleinbus. Die Fahrt bis zur Slowenisch-Kroatischen Grenze zog sich ganz schön in die Länge, vor allem brauchten wir für das letzte Stück, um auf den kroatischen Zollhof zu gelangen, eine ganze Stunde, weil dort der Parkplatz voll war. Bis sich alle irgendwie hinrangiert hatten war es 4.30 Uhr morgens. Und nun hieß es warten, bis die Zollpapiere übersetzt und die LKWs verplombt waren – wobei die Speditions- und Zollbeamten nicht besonders umgänglich sind. Um 9 Uhr ging es dann endlich weiter. Bis wir zur Grenze nach Bosnien kamen, war es schon 14.30 Uhr, so dass wir beschlossen, dass die Minibusse zum Kinderheim durchfahren und die LKWs alleine die lange Zollprozedur auf sich nehmen sollten. So kamen wir in den Minibussen um 16 Uhr im Kinderheim an, die LKWs erst nachts um 1 Uhr. Ein LKW musste zunächst beim Zoll bleiben, weil der zuständige Beamte mit den Papieren nicht zufrieden war. Zum Glück konnten wir den LKW am nächsten Tag doch abholen.

ImageDer Empfang im Kinderheim war stürmisch, wenn auch nicht so kinderreich wie sonst, weil mehr als die Hälfte der Kinder zur Erholung in Italien war. Dadurch hatte ich zusammen mit einer Mitarbeiterin der Stiftung die Ehre, in einer echten Kinderheimfamilie zu wohnen. Von den sonst zehn Kindern waren bis auf zwei alle verreist. Ich bekam ein eigenes Zimmer (mit vier Stockbetten) und wurde schnell in die Familie integriert. Ich bekam sogar aus Gerechtigkeitsgründen ein Weihnachtsgeschenk, das gleiche wie die Stiftungsmitarbeiterin und selbstgemalte Bilder. Es machte mir sehr viel Spaß, in einem Wortgemisch aus kroatisch und deutsch mit den Kindern zu spielen und gleichzeitig war ich schockiert, mit welchen Problemen diese Kinder zum Teil zu kämpfen haben. Da der Krieg schon mehr als zehn Jahre zurück liegt, sind die meisten Kinder keine Kriegswaisen, sondern sogenannte Sozialwaisen. Sie leiden unter den Spätfolgen des Kriegs, Armut, hervorgerufen durch die sehr hohe Arbeitslosigkeit von über 40 Prozent. Alkoholmissbrauch und Gewalt in den kinderreichen Familien sind an der Tagesordnung und einige Eltern leiden unter psychischen Krankheiten.

Der Umgang in den Kinderheim-Familien war sehr liebevoll und für viele Kinder sicher das erste Mal im Leben, dass sie gut behandelt werden. So ging es in dem Kinderheim insgesamt sehr fröhlich zu. Es lebt immer eine ‚Mutter’ mit etwa neun Kindern in einer Doppelhaushälfte. In den insgesamt zwölf Gebäuden gibt es außerdem eine Kantine, ein Waschhaus, eine Diskothek, Lehrwerkstätten und natürlich ein Verwaltungsgebäude. Das Gelände liegt etwas abseits, umgeben von Obstbäumen und – leider auch – Minenfeldern. Durch die Lage haben die Kinder einen Schulweg von einfach 45 Minuten zu Fuß, für deutsche Kinder wäre das heute undenkbar.

Während unseres Aufenthalts wurden die LKWs entladen, entweder von vielen Organisationen, die die Weihnachtspäckchen auf kleinere Wagen luden und so in die weiter entfernten Dörfer verteilten, oder von uns, um die Päckchen dann selbst an Schulen und Krankenhäuser auszuliefern. Dazu wurde immer unser SAALBAU-LKW benutzt, weil er als kleinster der einzige war, der durch die zum Teil engen Straßen passte.

Außerdem verteilten wir natürlich Päckchen an die Kinder des Heims. Diese bekommen außerdem noch ein Paket von ihrem Paten. Patenschaften werden durch die Rudolf-Walther-Stiftung organisiert, so dass die Stiftung mit regelmäßigen Geldbeiträgen unterstützt wird und ein persönlicher Kontakt zu einem Kind entsteht.

ImageEgal, wohin wir mit unseren Päckchen kamen, die Kinder blickten uns schon erwartungsvoll entgegen. Die Enttäuschung, wenn die Lieferung mal ausbleiben würde, wäre sehr groß, so der Direktor einer Schule. Die Kinder wären schon lange vor der Zeit ganz aufgeregt. So ist es für viele Kinder wohl immer noch das einzige Weihnachtsgeschenk, das sie erhalten.

Während der Fahrten durch die Ortschaften äußerten die erfahreneren Konvoi-Teilnehmer, dass sich trotz der Armut und der immer noch sichtbaren Kriegsschäden im Land schon einiges dank der Unterstützung durch viele Spender verbessert hat. Der Zustand vor dem Krieg war teilweise schlechter als jetzt, was nicht zuletzt an der schlechten sozialistisch geprägten Bausubstanz liegt. So fanden wir in einer Ambulanz, einem nur 20 Jahre alten Gebäude, wo es an mehreren Stellen durch die Decke tropfte, moderne Apparate und Sitzgruppen aus Deutschland vor.
Die Kinder, die heute in das Kinderheim der Stiftung kommen, leiden nicht mehr an Mangelernährung, wie uns der Konvoi-Zahnarzt belegen konnte. Trotzdem gibt es immer noch alle Hände voll zu tun. So wird es zum Beispiel noch etwa 40 Jahre dauern, bis alle Minen im Land vernichtet beziehungsweise beseitigt sind. Katastrophal ist auch die Luftverschmutzung, hervorgerufen durch Kohle- und Betonfabriken, die ihre Abgase ungefiltert in den grauen Himmel schicken.

Nach der Silvesterfeier zusammen mit den Kindern des Heims mit Vorführungen und Tanz und einem Ausflug am 1. Januar zu einem Kriegsdenkmal, ging unser Aufenthalt in Bosnien zu Ende. Am 2. Januar machten wir uns unter nicht enden wollenden Abschiedsszenen auf den Weg nach Hause. Wir konnten die Grenzen mit den jetzt leeren LKWs relativ schnell passieren und trotz Schneechaos in Bayern kamen wir ganz gut voran und brauchten diesmal für die Strecke statt 33 nur 26 Stunden. Es war eine sehr beeindruckende Reise und die Anstrengungen waren schnell vergessen.

Frankfurt am Main, im
Januar 2006
Stefanie Kitzerow, Unternehmenskommunikation der SAALBAU GmbH